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IT  Institut für Therapie und Beratung an der HAWK Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen

Was bringt ein Gesundheitstraining bei einer Krebserkrankung?

Krebszellen entstehen laufend im Organismus, werden aber im Normalfall von der körpereigenen Abwehr ausfindig gemacht und vernichtet. Krebs kann sich daher erst dann in wesentlichem Umfange vermehren und anwachsen, wenn die körpereigene Abwehr so geschwächt ist, dass sie Krebszellen nicht mehr rechtzeitig genug bemerkt.

Angst, Verzweiflung, Depression oder massiver Stress hemmen die körpereigene Abwehr, besonders wenn sie längere Zeit andauern, und stören zugleich das hormonelle Gleichgewicht im Körper. Ein gestörtes Gleichgewicht der Nebennierenhormone kann aber eine höhere Anfälligkeit für krebserregende Substanzen hervorrufen. So entstehen negative Voraussetzungen, die den Ausbruch einer Krebserkrankung begünstigen.

Was bringt eine psychologische Therapie oder ein Gesundheitstraining bei einer Krebserkrankung?

Eine Tumorerkrankung bedeutet für viele Patienten eine existentielle Bedrohung und löst Gefühle wie Angst, Wut, Hilflosigkeit oder Depression aus. Auch haben die üblichen Therapieformen Operation, Bestrahlung und Chemotherapie beträchtliche Nebenwirkungen und verstärken diese emotionalen Reaktionen noch.

Nach Stein et. al. (2003) beispielsweise sind die Copinganforderungen während der Diagnosemitteilung „Akzeptieren der Diagnose, Ertragen von heftigen Emotionen und Stress, Entscheidung über Behandlung, Akzeptieren von Hilfe und Abhängigkeit, Mitteilung der Erkrankung im sozialen Umfeld, Anpassung und Reorganisation des Alltags“.

Während der primären Behandlungsphase kommen dann noch dazu: „Akzeptanz der chronischen Erkrankung und Behandlung, aktive positive Bewertung der Behandlung, Aufbau von tragfähigen Beziehungen zum Behandlungsteam, aktive Teilnahme an der Behandlung, Integration der Behandlung in das familiäre und berufliche Leben, Ertragen von emotionalen Belastungen und Ambivalenzen, Entwicklung von Hoffnung und Zuversicht, Wiedererlangung des psychischen und körperlichen Selbstwertgefühls.“ Und eine Reihe weiterer Anforderungen kommen in der Remission dazu.

 

Unbestritten ist, dass psychosoziale Interventionen einen wesentlichen Beitrag zu diesen Copinganforderungen und damit auch zur Lebensqualität leisten und es gestatten, die vielfältigen emotionalen und sozialen Folgen der Erkrankung abzumildern, und es den Betroffenen ermöglichen können mit Mut und Perspektiven in die Zukunft zu gehen.

Kontrovers diskutiert wird die Rolle der Psychotherapie für die Heilung von Krebserkrankungen und die Risiken, einen Rückfall zu erleiden oder an der Krebserkrankung zu sterben.

Sieht man sich die Studien zu den Therapieeffekten genauer an, so spricht viel dafür, dass auf jeden Fall bei Brustkrebs im Stadium 1 bis 3 mentale Interventionen auch zu einer Lebenszeitverlängerung oder Heilung beitragen (siehe etwa B. L. Andersen u a. (2010); ähnliche Effekte bei anderen Tumorformen zeigte auch Küchler u. a (1996) auf.

Unklar bleibt dabei allerdings, ob die Effekte direkt auf krankheitsbezogene Interventionen, wie Visualisierungen oder die positive Umstimmung und Stressminderung zurückzuführen sind. Oder ob indirekte Wirkungen, wie eine höhere Compliance in der Nachsorge, bessere Kommunikation mit den Ärzten, bessere Ernährung und gesündere Lebensführung zu diesen Effekten beitragen.

Nun stehen Rückfälle häufig im Zusammenhang mit dramatischen Lebensereignissen in der letzten Zeit davor; möglicherweise schützen psychologische Strategien ein Stück weit vor depressiven Phasen oder Phasen mit extremen Stressreaktionen und bewirken deshalb, dass dramatische Lebensereignisse besser bewältigt werden können und nicht so leicht zu Zuständen führen, die Immunreaktionen über längere Zeit massiv dämpfen. Den massiven Einfluss von Stress auf das Blutbild und Immunfunktionen zeigen etwa Bongartz W. (1996) oder V. Stefanski (2007) oder auch B. L. Anderson in verschiedenen Veröffentlichungen.

Bisherige Arbeiten des HGT- Teams mit Bezug zu Krebserkrankungen

Vor diesem Hintergrund hat unser Team für Krebspatienten ein Therapiebegleitsystem, eine Gruppentherapie (das onkologische Hildesheimer Gesundheitstraining) und ein Tanz- und Bewegungsmodul für „sportferne“ Patientinnen entwickelt, um auch ihnen die positiven Wirkungen von Sport zu ermöglichen.

Das Therapiebegleitsystem (Trancen auf CD)

Als Instrument für die psychoonkologische Betreuung haben wir ein Mediensystem mit gesundheitspsychologischen Interventionen (Handbuch und 5 Trancen auf CD) entwickelt und in einem Experimental- und Kontrollgruppendesign mit einer Stichprobe von 88 Frauen klinisch getestet.

Diese Ergebnisse und die schriftlichen Kommentare der Patientinnen zeigen deutlich, dass der weit überwiegende Teil zwar viel Vertrauen zu psychologischen Verfahren hat, allerdings (auf jeden Fall zum Zeitpunkt unserer Erhebung 2001) keine psychoonkologische Betreuung erfährt (über 90 %), obwohl sie diese gerade in der Anfangsphase sehr vermissen.

In dieser schwierigen Situation vermittelt ihnen das psychologische Begleitsystem

  • ein höheres Ausmaß an Ruhe, eine starke Abnahme der inneren Anspannung und
  • eine deutlich bessere Stimmung, was sich auch in einer
  • besseren Beurteilung des seelischen Befindens ausdrückt.
  • Die Teilnehmenden nehmen die Bedürfnisse des Körpers deutlicher wahr und
  • die subjektive Beurteilung ihres Gesundheitszustandes verbessert sich stärker als in der Kontrollgruppe. Und schließlich:
  • Über 80 % beurteilen das psychologische Begleitsystem als „hilfreich“.

Das Hildesheimer Gesundheitstraining (HGT) für die Onkologie

In Deutschland werden im Gegensatz zu den USA kaum Gruppentherapien für onkologische Patienten durchgeführt, obwohl Gruppentherapien weniger Manpower benötigen und damit ökonomischer sind. Sie lassen sich auch einem breiteren Patientenspektrum (nicht nur sehr hoch belasteten) anbieten; so lassen sich - falls auch die organisatorischen Rahmenbedingungen stimmen - weitere Zielgruppen (unterhalb der Grenze einer angemessenen Einzeltherapie) erschließen, die auch einen dringenden Bedarf nach psychologischer Betreuung haben.

Dies  war für uns der Anlass, eine teilstandardisierte Gruppentherapie für ca. 12 Personen zu entwickeln (für 9 Treffen a 3 Stunden samt Trainerhandbuch, Patientenhandbüchern und  CDs mit Trancen). Verhaltenstherapie, Hypnotherapie und NLPt bilden den Hintergrund der Verfahren. Erfahrungen mit den traditionellen onkologischen Gruppenverfahren (psychoonkologische Gruppentherapien, Bochumer Gesundheitstraining, Training nach Simonton etc.) flossen auch in diese Entwicklung ein.

Das HGT verbindet Gruppenarbeit, Einzeltherapie und die selbständige Arbeit mit Medien (CDs). Diese „Einzeltherapie in der Gruppe“ hat den großen Vorteil, dass die Teilnehmer parallel zueinander an ihren speziellen Fragen arbeiten können. Viele Verfahren des HGT wie auch die speziell entwickelten „kunstvoll vagen“ Trancen übermitteln Strategien, die Menschen jeweils auf  ihre individuellen Fragestellungen anwenden können ohne über ihre Probleme sprechen zu müssen.

Das HGT ist ziel- und ressourcenorientiert und deshalb ist auch die Atmosphäre in den Gruppen angenehm und lebendig, da sich die Teilnehmer in weiten Bereichen nicht mit Problemen und Beschwerden, sondern mit ihren Zielen, dem Sinn ihres Lebens und ihren Fähigkeiten befassen.

Im HGT werden u. a. gedankliche Prozesse initiiert, um die Lebenssituation zu klären und sich auf das Ziel Gesundheit auszurichten. Die auffallende Nachhaltigkeit des HGT zeigt, wie wirksam es ist, wenn Veränderungen, die sich gegenseitig abstützen, gleichzeitig in mehreren Bereichen vollzogen werden.

Viele Patienten, die am HGT teilgenommen haben, vermochten zu einer positiven Einstellung zum Leben zurückzufinden. Sie wissen nun wieder ganz genau, welchen Sinn ihr Leben hat und wie man diesem auf eine Weise gerecht werden kann, die die Gesundheit aktiv unterstützt. Das wird von positiven Gefühlen begleitet, bei denen das hormonelle Gleichgewicht wiederhergestellt und die Hemmung der körpereigenen Abwehr aufgehoben werden. So entstehen optimale Voraussetzungen für einen günstigen Heilungsverlauf.

Durch die im HGT erlernte Visualisierung (das Hervorrufen innerer Bilder) von Heilungsvorgängen kann man darüber hinaus der körpereigenen Abwehr intensiv mitteilen, was man von ihr im Gesundungsvorgang erwartet. Auch das trägt wesentlich zur Überwindung von Krankheit bei.

 Aktuelle Forschungsarbeiten zum HGT für die Onkologie

2007 haben wir damit begonnen, die bisherigen Erfahrungen damit in das Gruppentraining einzuarbeiten und es in einer multizentrischen Studie (finanziert über Drittmitteln - einer Spende von 100.000.-) zu evaluieren.

Bereits jetzt, da 78 Probandinnen in die Studie aufgenommen werden konnten, lässt sich Folgendes erfreulicher Weise zeigen:

  • Hoffnungslosigkeit nimmt bei der HGT- Gruppe hoch signifikant ab, Hoffnung und Optimismus nehmen zu
  • Die  am HGT Teilnehmenden erleben mehr Entspannung, Ruhe und Ausgeglichenheit
  • Sie können besser mit Stress umgehen
  • Sie schätzen die eigenen Gesundheit viel positiver ein
  • Die Einschätzung der Lebensqualität nimmt schnell und deutlich zu.

Dies führte auch zu einer sehr positiven Bewertung des Hildesheimer Gesundheitstrainings und zu einer interessanten Abnahme an Arztbesuchen im 2. Halbjahr nach der primären medizinischen Behandlung.